Nun steht das behäbige und stattliche „Landhaus“ auf der gleichen Stelle des abgebrochenen Restaurants, welches ein schönes Patriarchenalter erreichte, aber doch, wie alles Irdische sich selbst vergehen und zu einem Ruinenhaufen werden sah. Wie Goethe mochten wir sagen, uns an Altes und Neues erinnernd:
Ältestes bewahrt mit Treue,
Freundlich aufgefasst das Neue,
Heitrer Sinn und reine Zwecke,
Nun, wann kommt wohl eine Strecke!
Der 1888 in Gossau verstorbene Zimmermeister Josef Anton Epper, ein gebürtiger Heldswiler aus dem Gemeindebanngebiet Hohentannen im Thurgau, machte wohl die Pläne für den Oberbau des alten Landhauses und hob es ein Stockwerk in die Höhe. In der Gaststube konnte sich jedermann sogar an der Decke bespiegeln und im Elserischen Garten am Landhausweg, der die Bischofszellerstrasse mit der nach Niederwil– Oberbüren– Wil führenden Autostrasse verbindet, im gartenbaulichen Jugendstil einen Springbrunnen sehen. Das Wasser stieg durch den schlanken Storchenhals, und der Schnabel spie es aus. Das kam einem wie ein Schwanengesang vor....
Nicht nur das. Einst befand sich das Gossauerbezirksamt, dem ein Wandern von Haus zu Haus wie den Bezirksmännern eigen war, im ersten Haus an der Landhausstrasse. Dort gingen in kurzer Zeit verschiedene Gäste und Kunden ein und aus, mitunter „dorepotzti Lüt“, auch rechte Schlaumeister und famose Gesellen. Da trat einmal ein sauber gestriegelter Herr mit wallender Mähne und rötlichem Schnurrbart unter die Türe des Bezirksamtes, schaute sich um , setzte sich auf Geheiss an den Tisch und erzählte nicht im Fürstenländerdialekt, dass er nicht, wie man vermute der berühmte „Schindertoni“ sei, welcher im 18. Jahrhundert die lieben Mitmenschen und Pferde zu Tode geschunden habe. Uns kam damals die Bauernregel in den Sinn:
Bei Pferdehandel oder Rinderkauf,
tu Augen oder Beutel auf!
Jener Mann hätte beinahe, wie es in einem Schauspiel von William Shakespeare heisst, ein Königreich für ein Pferd gegeben. Und als man ihm eine gefälschte Quittung vorwies, da setzte sich der seltsame Rosshändler aufs hohe Pferd und meinte, hocherfahren: „Dass mir so etwas im Leben passieren konnte; das hätte ich nie geglaubt, vom Pferd auf den Esel zu kommen!“ Er kam auf den Hund.
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Wie oft wurde durch solch durchtriebene Leute, die auf die Bauernfängerei ausgehen, manchen Brabantentaler verdienten und ein schönes Trinkgeld verteilen konnten, ein abgetrampter Klappergaul abgesetzt oder eine magere Währe mit zählbaren Rippen als noch durchaus währschaft und nur etwas erholungsbedürftig an den Mann gebracht. Neben solchen Erscheinungen im Pferdehandel mag es billig und gut, heilsam und belehrend sein, auch den früheren Rosshandel mit der Pferdezucht in st. gallischen Landen zu trennen.
Als es noch keine Eisenbahnen und Automobile gab, weder Dampfschiffe noch Flugmaschinen, wohl aber Stauseen und schmale Saumpfade mit rollenden Fuhrwerken und schwer beladenen Passtieren darauf, sind die Leute hie und da zu Fuss, hoch zu Ross, oder mit einem Spannwägelchen, meinetwegen mit einer weitbauchigen Kutsche in die Ferne gereist.
Ging die Fahrt gut vonstatten, so kehrte man wieder gesund und munter nach Hause zurück, schirrte die Pferde ab, trocknete ihren Schweiss vom Leib und begab sich hernach zu einem währschaften Trunk in eine Taverne oder Reiswirtschaft im Dorf oder in der Stadt.
In solchen Orten ist von vielen Dingen die Rede: von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, vom Viehverkehr und Säuvekauf, von manchem „Schiff“ und Galgenstrick, von Geschichte und Politik.
Wir leben in einer Zeit, da man den Pferdezug wieder schätzen lernte. Wer sein Ross nicht pflegt und nährt, ist des Tieres nicht wert, und wer es plagt wie sein Rind, hält‘s so mit Weib und Kind. Das sind lauter Bauernregeln. Einmal sassen wir mit Vater Brändle am runden Tisch in der „Sonne“. Er vernahm einiges aus der Geschichte des st. Gallischen Pferdehandels. Das gefiel dem inzwischen heimgegangenen Manne so gut, dass er grad noch ein „Dreierli“ bestellte und die Werte beglich. Das gab Stimmung; es ging die Rede vom ausdauernden und leistungsfähigen Pferdematerial im vorletzten 18. Jahrhundert; man sprach von der Pferdezucht und vom üblichen Pferdehandel. Manche Gäste schüttelten den Kopf und wollten‘s nicht glauben; sie hatten nicht mehr klare Begriffe vom bald zweihundert Jahre alten Kornhaus zu Rorschach, das die Fürstabtei für den Kornhandel mit dem Schwabenland erbauen liess. Es ging sodann die Rede vom Gredhaus zu Steinach, vom Strassenbau unter Fürstabt Beda Angehrn von Hagenwil, von der grossen Hungersnot in 1771 und von einem gefährlichen und beschwerlichen Fruchttransport vom Mailändischen und Piemontesischen über den Splügenberg nach Thusis oder aus dem Venezianischen durch das Tirol und Allgäu nach Bregenz, Straubenzell und Gossau bestellt. Da aber das Heu für die vielen Saumrosse auf der Strasse über den Monte di Spluga bald aufgezehrt war, gingen einige hundert Personen nach Cleven oder Chiavenna und säumten die Kornsäcke über den Splügen. Die Leute mussten bei der Kälte unter freiem Himmel übernachten; viele erkrankten oder starben. Doch kam genug Frucht in unser Land und das Brot warb wohlseiler.
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Als Vater Brändle das vernahm, wischte er sich eine Träne vom Gesicht und ging still und beschaulich nach Hause. Das übrige wurde ihm später erzählt, wie einige Jahrzehnte nach dieser Hungersnot, während der napoleonischen Kriege ums Jahr 1800, die Pferde verschiedenen Herkommens und Geblütes auch hierzulande an Bagage– und Pulverwagen und an Kanonen gespannt und zu Militärdiensten verwendet wurden. Das treue Haus– und starke Zugtier war mit Zwang stellungspflichtig und wurde der Volkswirtschaft entzogen. Damals waren die Pferdepreise ungewöhnlich hoch; die Nachfrage überstieg bei weitem das Angebot. Das wirkte sich bald ungünstig aus; denn die einheimische Pferdezucht vermochte den grossen Bedarf an eisenbeschlagenen Hufen nicht zu decken. Man behalf sich mit langsameren Ochsen und Milchkühen oder liess, da es an Pferden zum Ackern mangelte, umzubrechendes Land einfach brachliegen. Zudem traten in einigen Zuchtgebieten Pferdekrankheiten auf, z.B. der Rotz, der Milchbrand und das so genannte „Sumpffieber“, was die Tierbestände dezimierte. Wohl gab es freiwillige Versicherungen für Rindvieh seit dem 18. Jahrhundert, auch solche für Pferde und Kleinvieh. Die kantonalen Pferde sind eine Schöpfung in der neueren Geschichte St.Gallens. — Schrecklich war das Hungerjahr 1817. Wohl kamen 3000 Walterkorn aus Schwaben. Gegenüber 1771 hatte die Bevölkerung erheblich zugenommen; der Fleischverbrauch war gestiegen. Die Kantonsregierung erliess 1817 Polizeivorschriften für den Genuss von Pferdefleisch. Seit 1803 wurde zwar der Viehverkehr und Pferdehandel gesetzlich überwacht; man stellte auch Gesundheitsscheine aus. Vor 1850 konnten sonderbare Rosshändler aus Hohenems im Vorarlberg, Biberach in Württemberg, Zurzach am Rhein und aus dem Welschland, namentlich aus dem Berner Jura, womit wir auf die Freiberger Rasse hinweisen, nicht mehr so gute Geschäfte wie noch im 18. Jahrhundert machen. Die Regierung schaute ihnen auf die Finger, wie der kantonale Obertierarzt auf dass Gebiss importierter Pferde.
Auf der berühmten Zurzacher Messe wurden einst in erster Linie Tuch, Leder und Pferde angeboten und verhandelt. Einem Heinrich Göldlin „scutifer popalis“ genannt, warf man vor, dass er Pfründe verkaufe, „wie man Rosse in Zurzach verkauft“. Mehr oder weniger in allen Kantonen der Schweiz stand die Pferdezucht vor gut hundert Jahren in der Willkür jedes Landwirtes, der meistens nur für Eigenbedürfnisse junge Füllen heranzog. Löbliche Ausnahmen machten im St. Gallerland das adelige Damenstift Schänis, die Kaltbrunner, die Obentoggenburger, Sarganserländer, auch einige Rheintaler und sogar Niederhefenschwiler im Bezirk Gossau, der um 1830 auch den heutigen Bezirk Wil umfasste. Die Pferdezucht des Klosters Einsiedeln wirkte sich für das Linthgebiet günstig aus. Der Kaltbrunnerschlag war schön und gross gebaut; dem Oberländer– oder Melserschlag rühmte man knochenstarke Tiere nach. Aus dem alten Bezirk Sargans exportierte man in den Dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts alljährlich 250 Pferde nach Italien. Gleichviel Saug– und einjährige Fohlen gingen ins Rheintal, wo man sich zur Hauptsache auf die Aufzucht zugekaufter Pferde verlegte und wegen Überflusses an Rossfutter, herrührend von Rittern, auch Pferde aus dem St. Galler Oberland zur Überwinterung übernahm. Doch die Kriege bis 1830 hatten die Pferdebestände stark vermindert. Später verschwanden die alten heimischen Rassen und die Zuchtgebiete verschoben sich. Ursachen dieser Tatsachen waren: Zu hohe Aufzuchtskosten, Zunehmen der ausländischen Konkurrenz, Aufhebung der Trattrechte, Verteilung ausgedehnter Alimente, Zunahme der Rinviehzucht, Rückgang von genügend grossen, herrlichen Sömmerungsgelegenheiten in den Alpen, Korrektionen im Linth-, Seez– und Rheingebiet und Abgehen der Pferderiete. Anderseits erleichterten und verbilligten bessere Strassen und Bahnen von Land zu Land die Pferdezufuhr. Die heimischen Schläge waren empfindlich zurückgegangen; die besten Zuchttiere musste man in der Innerschweiz, im Welschland (Freiberge) und in Italien suchen. Dem sonst bewährten Schweizerschlag war durch keine Blutauffrischung aufzuhelfen. Die st. gallische und schweizerische Pferdezucht hatte einen Tiefstand erreicht, dass zeigte sich besonders an der Pferdeausstellung 1865 in Aarau. Man führte bald halbenglische Hengste und Stuten ein. Der erste Bundesimport fällt ins Jahr 1868. Von da an ging man von der reinen Züchtung allgemein zur Kreuzung über. Um die Stelle von privaten Hengsthaltereien traten Staatliche. In den Neunzigerjahren gab es Deckstationen in Marbach, Oberriet, Buchs, Benken, Ebnat und Gossau. Hauptsitz der st. Gallischen Pferdezucht zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Gemeinden Benken und Schänis, sowie die Gegend zwischen Marbach und Buchs. Noch wäre von den „Lilienthalern“ einiges zu sagen. Das Obige genüge.